Bericht über die Exkursion nach Berlin: Das antike Kleinasien in hellenistischer Zeit (Juni 2014)

Die Exkursion zu dem Thema „das antike Kleinasien in hellenistischer Zeit“, die am 14. und 15. Juni diesen Jahres durchgeführt wurde, war integraler Bestandteil der im Sommersemester 2014 angebotenen Übung mit gleichem Titel (07.068.220) und zugleich verknüpft mit einer thematisch verwandten Vorlesung, die einen Überblick über die Geschichte Kleinasiens zwischen dem Beginn der Archaik und dem Ende der Römischen Republik zu geben versucht hat. Sie ist Teil einer Pflichtveranstaltung gewesen, die im Verlauf des geschichtswissenschaftlichen Studiums an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz absolviert werden muss. Es handelt sich vor allem um einen Teil des fachwissenschaftlichen Bachelorstudiengangs (Kernfach) und des Moduls 6 (Exkursion).

Die Exkursion verfolgte das Ziel, die teilnehmenden Kommilitoninnen und Kommilitonen unmittelbar mit Zeugnissen der hellenistischen Epoche aus Kleinasien zu konfrontieren und so zu einem vertieften Verständnis der historischen und kulturellen Entwicklungen dieser bekanntlich für die gesamte Antike sehr wichtigen Landschaft beizutragen. Dabei standen bei den Besuchen des Alten Museums und des Pergamonmuseums die Selbstdarstellung der hellenistischen Herrscher, insbesondere derer des Attalidenreiches, und die stadtgeschichtliche wie auch architektonische Entwicklung der griechischen Polis Pergamon zur hellenistischen Herrschermetropole im Mittelpunkt des Interesses. Aufbauendauf den durch die zugehörige Übung gelegten historischen Grundlagen wurden während der Exkursion durch zwei Führungen sowie durch Referate die Interpretationsmöglichkeiten und – schwierigkeiten der betrachteten Exponate erörtert.

Im Gespräch mit dem Museumsführer wie auch auf Grundlage der Referate wurde auf Basis der teilweise widersprüchlichen modernen Rekonstruktionsversuche über die topographische und architektonische Gesamtkonzeption Pergamons und die Einordnung des Pergamonaltars in diesen Gesamtkomplex debattiert. Insbesondere die enge Verzahnung von Herrschaftsrepräsentation, Kulturpflege Götterverehrung – unter Einbeziehung der kultischen Traditionen Pergamons – und Gestaltung der gesamten Stadtanlage konnte plastisch herausgearbeitet werden.

Weiter kreiste die Diskussion um die Frage, wie der Altar und seine Friespartien in der Antike überhaupt wahrgenommen wurden sind und welche Sehgewohnheiten dabei zu berücksichtigen bzw. zu rekonstruieren sind. Erst fußend darauf wird ja überhaupt erst verständlich, auf welche Aussageabsichten Herrscher und Architekten mit der Errichtung des Altars und der Gestaltung seiner Friese und ihrer Einordnung in den Gesamtkomplex der Stadtanlage Pergamons hinaus wollten. Dabei wurde insbesondere die Rolle der Attaliden als Vorkämpfer des Hellenentums und hellenischer Kultur herausgearbeitet, die ihre ‚historische Mission‘ gleichrangig neben die Athens in den Perserkriegen stellen sollte.

Eine Vertiefung erfuhr dieses Thema durch die Betrachtung des Telephosfrieses und der mit der Sage vom Heros Telephos verknüpften mythischen Verortung Pergamons und seines Herrscherhauses. Auch anhand dieses kleineren Frieskomplexes im Inneren des Pergamonaltares wurde die Verknüpfung von Mythologie und Herrschaftslegitimation herausgearbeitet: Die Taten des Telephos werden mit dem Attalidenhaus und dessen Leistungen in Verbindung gebracht, indem er zum Urahnen der Dynastie erklärt und eine Verbindung zwischen seinen Kämpfen und dem Sieg der Attaliden in der Schlacht an den Kaikosquellen über die Galater suggeriert wurde. Die Götterfiguren des Telephosfrieses und die mythischen Kontexte, ihn die sie eingebunden sind, wurden zugleich verknüpft mit den ihnen zugehörigen Kulten der Polis Pergamon, die von den Attaliden im Rahmen des Ausbaus der Stadt zur Metropole ihres Reiches gefördert worden sind, um den vielfältigen göttlichen Schutz zu demonstrieren, unter den sich ihre Dynastie gestellt sah.

Hierbei wie im Alten Museum in Zusammenhang mit der Diskussion über Herakles als Vorbild königlicher Selbstdarstellung boten die Artefakte jeweils Ansatzpunkte für eine Erörterung der hellenistischen Königsideologie im Allgemeinen wie auch speziell der Bemühungen der Attaliden, auch auf diesem Gebiet ihre Gleichrangigkeit mit anderen hellenistischen Monarchien zu betonen und zugleich ein eigenes Profil zu entwickeln.

Insgesamt wurde bei der Diskussion über verschiedene Interpretationsansätze zur Deutung des Pergamonaltares und seiner Ikonographie die Problematik der Interpretation überaus eindrucksvoller archäologischer Funde und Befunde deutlich, die sich aus dem weitgehenden Fehlen von literarischen Zeugnissen ergeben, die sich darauf direkt oder indirekt beziehen. Einer Vertiefung des Verständnisses kam zweifellos entgegen, dass die Exkursionsgruppe mit neun studentischen TeilnehmerInnen von überschaubarer Größe gewesen ist.

Obwohl mehrere TeilnehmerInnen zumindest im Beifach Archäologie studieren, gewisse Kenntnisse in diesem Fach also bereits vorhanden waren, zeigte sich, dass die in beiden Museen absolvierten Führungen als ausgesprochen hilfreich wahrgenommen worden sind. Sie sind daher auf eine sehr gute Resonanz gestoßen, da durch sie die kunsthistorischarchäologischen, aber auch historischen Zusammenhänge in etwas allgemeiner Weise aufgezeigt worden sind (etwa durch die Thematisierung der Entwicklung der verschiedenen Darstellungsformen antiker Götter anhand der in der Rotunde des Alten Museums präsentierten Skulpturen), was die Fundierung der spezielleren Themen von dieser Seite her erleichterte. Zudem wurde hervorgehoben, dass die Führungen sich nicht als einseitige Faktenvermittlungen im Vortragsstil gestalteten, sondern im Gespräch die in der Vorbereitung erarbeiteten Kenntnisse und Interpretationsansätze eingebracht und vertieft werden konnten.

Positiv wurde gewertet, dass die in den Führungen dargelegten größeren Zusammenhänge der Entwicklung der griechischen Kultur und Kunst das Exkursionsthema im engeren Sinne in einen allgemeineren Rahmen eingebettet haben, z.B. bei der Vorstellung griechischer Skulpturen und Plastiken anhand der in der im Alten Museum aufgestellten Exponate oder indem der Titanenkampf des Altarfrieses aus dem Kontext der gesamten Schöpfungsmythologie der Griechen entwickelt wurde.

Gemeinsame Gespräche gaben zudem Gelegenheit, darüber zu reflektieren, inwieweit Verbindungen herzustellen sind zwischen dem Ausbau Pergamons als Herrschaftsmetropole seitens der Attaliden sowie ihrer Kulturpolitik und den Bemühungen des jungen deutschen Kaiserreiches Berlin zu einer Hauptstadt auszubauen, die auch als Kulturmetropole mit London und Paris mithalten konnte, und die Zwecksetzung, welche die Museen Berlins dabei erfüllten. Einer der Teilnehmer bemerkte im Rückblick: „Ähnlich wie die Herrscher des Altertums, die sich mit Kulturbauten verewigten und ihren Machtanspruch mit der künstlerischen Darstellung einer mythischen Familiengeschichte (Familienstammbaum geht auf Göttergeschlecht zurück) legitimierten, versuchte man auch im Kaiserreich eine Verbindung zu Machttraditionen vergangener Hochkulturen herzustellen, sei es mit der Verquickung von „modern“ und „antik“ angehauchten Bauwerken oder der Sammlung archäologischer Funde“. Im Rahmen der Exkursion sind die Museen daher in doppelter Hinsicht als ‚historische Quellen‘ wahrgenommen worden.

Für viele Beteiligte bot, wie sich herausstellte, die Exkursion erstmalig die Gelegenheit eines Besuches der Museumsinsel überhaupt. Daher erwies es sich als vorteilhaft, dass nach Führungen, Referaten und Diskussionen über die Zeugnisse der hellenistischen Zeit, den TeilnehmerInnen noch ein wenig Zeit blieb, um in eigener Regie wenigstens einen Bruchteil der reichen Museumsbestände in den vorderasiatischen, etruskischen und römischen Sammlungen oder der Münzsammlung in Augenschein nehmen zu können.

An den Reaktionen während der Exkursion und nach den beiden Tagen im Juni lässt sich ablesen, dass die besuchten Sammlungen wie das gesamte Ensemble der Museumsinsel – „das Pergamon-Museum mit Wänden, bei denen man das Gefühl hatte, sie würden den Himmel berühren“ notierte eine Teilnehmerin – die Beteiligten stark beeindruckt und daher wohl auch Impulse freigesetzt hat, welche das weitere Studium stimulieren dürften. Darauf deutet jedenfalls folgende prägnante Bemerkung eines Teilnehmers hin: „In jedem Fall werde ich in 5 Jahren zur Wiedereröffnung des Pergamon-Saales fahren, da mich die Exkursion doch schon „angefixt“ hat“.

Mainz, den 7. September 2014

PD Dr. Bernhard Smarczyk

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